Mi. 04.08.2010
Heute ist wieder "Strecke machen" angesagt. Am späten Vormittag verlassen wir kurz vor Bergama (Pergamon; wir besuchen die Rote Basilika in der Unterstadt, die spektakulären Funde auf dem ehemaligen Hügel der Akropolis liegen bekanntlich eh in Berlin) die Ägäisküste und biegen nach Osten ins Landesinnere ab. Über Soma und Akhisar erreichen wir das nahe bei Sahlili gelegene Städchen Sart und besichtigen die Überreste des dortigen Artemistempels - eine Kultstätte, die seit vorhellenistischen Zeiten existiert und von den alten Griechen und Römern sukzessive erweitert wurde.
Auf dem Parkplatz neben dem Tempel finden wir ein schattiges Plätzchen an einem kleinen Fluß und lernen am Abend noch einen jungen Einheimischen kennen, der mit seinem Mofa herausgefahren kommt um in Ruhe eine Dose Efes zu trinken - was innerhalb des Dorfes und seiner Familie nicht toleriert wird. Mit "very little English" entwickelt sich ein nettes Gespräch, das hauptsächlich um die Themen Fußball (Mesut Özil!) und das Verhältnis Türkei-Deutschland kreist - generell besitzen die Menschen hier eine große Symphatie für Deutschland und die Deutschen, zu anderen Nationalitäten und Ethnien ist das Verhältnis dagegen deutlich ablehnend (Griechen, Kurden...). Unser neuer Freund warnt uns denn auch eindringlich davor, weiter nach Osten zu fahren - alles jenseits von Ankara sei viel zu gefährlich und die Hotels in Izmir sowieso viel schöner. Na, das werden wir ja dann sehen
Do. 05.08.2010
Morgens wird erstmal der Hanomag abgeschmiert und gecheckt- nach knapp 3000km ist mal wieder ein Serviceintervall fällig.
Durch hügeliges Gelände und entlang weiter Täler geht unsere Fahrt dann weiter nach Osten. Ziel des Tages ist der Beysehir-See in den nordwestlichen Ausläufern des Taurus-Gebirges, aber vor das Bad im kühlen Naß haben die Götter unsere erste Autopanne auf dieser Reise gesetzt: kurz vor Usak nimmt der Luftdruck im Bremssystem langsam aber stetig ab. Shit, das hatten wir doch erst neulich repariert, was ist denn jetzt schon wieder?!
Vorsichtig bremsend fragen wir uns in Usak nach einer passenden Werkstatt durch und landen schliesslich in der "Lkw-Service-Zone", die in dieser Gegend fast immer an der Peripherie größerer Ortschaften zu finden ist: mehrere Strassenzüge mit niedrigen Barracken, vor und in denen Lastwagen und Transporter aus den letzten 40 Jahren Nutzfahrzeuggeschichte in unterschiedlichen Stadien des Auseinander- und Wiederzusammenbaus auf dem ölgetränkten Boden stehen, wobei das Team in jeder Barracke auf eine bestimmte Marke spezialisiert zu sein scheint. Wir fragen beim erstbesten Mechaniker nach, der spendiert erstmal einen Cay und telefoniert den örtlichen Mercedes-Spezialisten herbei, dessen Werkstatt zwei Ecken weiter liegt. Der Übeltäter, ein marode gewordener Druckluftschlauch, ist nach zwei Minuten diagnostiziert, nach weiteren 20 Minuten und etlichen Gläsern Cay ist ein Ersatzschlauch aus der Stadt beschafft und montiert. Coole Sache! Noch ein Erinnerungsfoto, 20 Euro für Material und Arbeitszeit abgedrückt und wir sind wieder unterwegs.
Die Strecke weitere Strecke über Afyon, Aksehir und durch die Sultans-Berge zum Beysehir-See zieht sich in die Länge, und wir landen erst bei anbrechender Dämmerung auf der kleinen Strasse, die am Westufer des Sees entlangführt. Meist gerade mal eineinhalbspurig zieht sich diese am Steilufer entlang und die wenigen Parkmöglichkeiten sind für unser Mobil eindeutig unterdimensioniert. Erst kurz vor Kurucaova finden wir einen größeren Platz über einem kleinen Kiesstrand am Seeufer. Während wir noch am Einparken sind landet ein Fischerboot an, dem eine Großfamilie entsteigt. Nach freundlicher Begrüßung stellt sich heraus, daß ein Teil der Leute aus Stuttgart stammt und bei der hiesigen Verwandschaft urlaubt. Bevor wir uns versehen sitzen wir mit auf Decken am Seeufer, werden mit Cay und Obst bewirtet und betreiben lustig Konversation auf englisch-türkisch-deutsch mit viel Gelächter auf beiden Seiten - als es zu regnen beginnt brechen unsere Gastgeber auf und beschenken uns zum Abschied reichlich mit Tomaten und Paprika, einer medizinballgroßen Wassermelone, Brot - die Gastfreundlichkeit ist wirklich unglaublich, und bis auf eine Tafel Schokolade für die Jüngsten werden auch keine Gegengeschenke angenommen. Stattdessen müssen wir versprechen, auf jeden Fall mal im Dönerladen der Familie in Fellbach vorbeizuschauen - klar, machen wir!
Fr. 06.08.2010
Morgens besucht uns erstmal das Familienoberhaupt der Sippe aus Stuttgart (der am Vorabend nicht mit dabei war). Nach einem gemeinsamen Kaffee brechen wir Richtung Kappadokien auf. Der Weg führt zunächst wieder über die Berge und dann hinab in die schier unendliche Tiefebene zwischen Konya und Aksaray. Durch diese Halbwüste südlich des großen Salzsees Tuz Gölü führte schon die Seidenstrasse, die in grauer Vorzeit Europa und den Fernen Osten miteinander verbunden hat. In regelmässigen Abständen liegen hier alte Karawansereien am Weg, von denen wir die besterhaltene, Sultan Hani, besichtigen - etwas nervtötend wegen der etwas aufdringlichen "Schlepper", die einen unbedingt auf den örtlichen Campingplatz lotsen wollen. Nein danke, hier ist es wirklich verdammt heiss, schattenlos und der Wüstenwind tut ein übriges. Wir fahren also durch bis Aksaray und zuckeln anschliessend den steilen Aufstieg (beinahe 1000 Höhenmeter) auf das Hochland von Kappadokien empor.
Am südlichen Einstieg zur Ihlara-Schlucht (die mit den vielen Felsenkirchen!) finden wir ein nettes Restaurant: gespeist wird auf hölzernen Plattformen mitten im Fluß, die über wacklige Holzstege mit dem Ufer verbunden sind. Wir geniessen ein leckeres Abendessen (frische Forelle!). Anschliessend wandern wir 3km zu einer heissen Quelle, die von den Dorfbewohnern als natürliches Hamam-Bad genutzt wird. Wie sich herausstellt ist Männerbadetag, und beim Anblick der besten Ehefrau von allen flüchtet die männliche Dorfjugend beinahe panisch aus dem kleinen Becken, um Platz für die Frau zu machen (Ups! Nächstes Mal vorher Volkshochschulkurs Türkisch für Anfänger...). Anschliessend sitzen wir noch bis spät in die Nacht über dem Wasser bei Cay und Efes - zusammen mit Ahmed, einem der Kellner, der aus dem Nachbardorf Selime stammt. Ausser in seiner Militärzeit ist er noch nie aus dieser Gegend herausgekommen, was ihn aber nicht weiter stört, schliesslich habe er doch hier alles was man zum Leben braucht (und tatsächlich sind die Täler in Kappadokien eine "grüne Oase" nach der langen Durststrecken durch die Wüste). Sein beinahe perfektes Englisch hat er sich selbst im Umgang mit den Touristen beigebracht, von denen hier in Kappadokien unglaublich viele unterwegs sind - das merken wir dann am nächsten Tag an der Rechnung, in dieser Gegend ist alles ein bisschen teurer als abseits der Touristenströme. Wir sind die einzigen auf dem angeschlossenen "Campingplatz", und dieser hat auch gerade Platz für uns. Die Nacht ist angenehm kühl, und zum ersten Mal seit Tagen packen wir wieder die Schlafsäcke aus.
Sa. 07.08.2010
Nach über einer Woche, die wir hauptsächlich damit verbracht haben uns auf vier Rädern fortzubewegen ist heute Wandertag angesagt. Ahmeds Boss fährt uns in seinem Wagen bis zum Nordende der Ihlara-Schlucht, und wir wandern die 14km bis zum Camp zurück. Der Weg führt entlang einer Reihe von Kirchen aus byzantinischer Zeit, die in den weichen Tuffstein gehauen wurden. Letztere bilden die Canyonwände, durch die sich der Melendizfluß schlängelt. Wir laufen meistens im Schatten der Bäume am Flußufer, verlieren uns im Labyrinth der riesigen Andesitfelsen am Flußufer und finden uns schliesslich am frühen Nachmittag wieder auf dem Campingplatz ein. Trotz der freundlichen Einladung, doch noch eine Nacht zu bleiben entscheiden wir uns weiterzufahren - wir wollen zum Narkli-Göl, einem 60m tiefen Kratersee nicht weit entfernt, den uns ein Teppichhändler in Sultan Hani empfohlen hatte.
Die Strasse führt wieder steil nach oben auf das Vulkanplateau des Hassan Dag, immer wieder sind neben der Strasse kleinere Kraterchen und Tuffkegel zu sehen. Wir besichtigen in Sofular die angeblich "größte unterirdische Stadt Kappadokiens" (vgl. Schwarzwälder Kuckucksuhr) - Wohnräume, Stallungen, Vorratsräume und Kirchen sind hier unterirdisch in den weichen Stein gehauen, es gibt sogar ein kleines Gefängnis und einen Ausguck nahe der Oberfläche, der über eine steile Treppe erreicht werden kann. Das ganze Areal bot wohl Platz für einige hundert Menschen und Kamele - und ist damit nicht ganz so riesig wie angekündigt (andere unterirdische Städte in der Gegend reichen bis zu 10 Stockwerke in die Tiefe und boten Platz für Tausende von Menschen). Trotzdem sehr spannend zu durchklettern und in der Mittagshitze zudem angenehm kühl.
Auf einer kleinen Stichstrasse, der Kratersee ist nur noch wenige hundert Meter entfernt, bricht das Unheil über uns herein, diesmal in Form verdächtigen und und lauter werdendem Klopfens aus dem Motorraum: Mist, das klingt verdammt ungesund! Nach dem Anhalten bemerken wir eine riesige Öllache unter dem mittlerweile heissgelaufenen Motor. Das darf doch nicht wahr sein - mitten im Nirgendwo! Zum Glück hält der Wagen hinter uns gleich an, der Fahrer steigt aus und hängt schon am Handy, um einen Mechaniker zu organisieren - Verständigung mit Händen und Füßen, zusammen warten wir in der brütenden Hitze. Nach einer Weile taucht tatsächlich ein klappriger Kombi mit dem örtlichen Schrauber auf. Der besieht sich die Schadenursache (geplatzte Ölleitung vom Ölfilter zur Öldruckanzeige) und verschwindet wieder, zusammen mit unserem "Ersthelfer". Nach zwei Stunden, die wir hauptsächlich damit verbringen den hilfsbereiten Fahrern der vorbeikommenden Autos (nahezu jeder hält an und fragt auf Türkisch, Englisch und/oder Deutsch, ob wir Hilfe bräuchten!) zu erklären, dass der Mechaniker bereits wieder auf dem Weg zu uns sei, taucht letzterer tatsächlich wieder auf, hat einen Ersatzschlauch organisiert und schnell wieder eingebaut. Teurer Spass, inklusiv 10 Liter Motoröl knapp über 100 Euro, aber immerhin läuft der Motor wieder, klingt so wie immer und der Mechaniker empfiehlt sich auf Nimmerwiedersehen.
Wir rollen wieder? Zu früh gefreut - nach wenigen Metern zwar kein Klopfen mehr, aber ein unregelmässiges lautes Schnarren - scheisse, das klingt wie kurz vor dem Kolbenfresser. Wir schaffen es noch auf der steilen, schmalen Strasse zu wenden und rollen dann mit ausgeschaltetem Motor zurück zur Hauptstrasse. Hatten wir schon erwähnt, dass das Reisen mit einem 42 Jahre alten Lkw an sich schon Abenteuer genug bereithält? So wie die Karre klingt fahren wir auf jeden Fall keinen Meter weiter.
Kurz entschlossen (wozu ist man schliesslich Plus-Mitglied) rufen wir beim ADAC in Istanbul an ("Bei einer Panne drücken Sie bitte die Eins") und fordern technische Unterstützung an. Nach einigem Hin- und her bezüglich der Abmessungen unseres Mobils (noch mal zum Mitschreiben: Wohnmobile bis 7,5t und bis zu einer Höhe von 3,10m sind im Vertrag mit drin!) und unseres Standortes im Nirgendwo wird ein Abschleppwagen aus Aksaray zu uns beordert, der nach Einbruch der Dunkelheit eintrifft.
Nun wird auch klar, warum so oft nach den Abmessungen gefragt wurde: auf die Pritsche des kleinen Mitsubishi Canter passt unser Allrad-Monster gerade so noch drauf - die zwei Jungs die den Abschlepper fahren sind sichtlich beeindruckt, zu allererst wird der Hanomag mit dem Handy fotografiert und ver-SMSt. Beim Hochzurren hebt dann der komplette Abschleppwagen ab und steht nur noch auf den Hinterrädern und der Laderampe (leider kein Foto, in dem Moment ist wohl allen Beteiligten kurz das Herz stehengeblieben). Irgendwann ist der Hano dann doch glücklich verstaut und wir holpern - zu viert im Fahrerhaus des hoffnungslos überladenen Abschleppwagens, der jüngere der beiden Männer reist auf der Pritsche mit - auf kleinen Landsträsschen die 60km zurück nach Aksaray. Es ist stockfinster, bei jeder Bodenwelle befürchten wir, dass entweder der Abschleppwagen wieder abhebt oder unser Laster von der Pritsche segelt. Nach knapp 3 Stunden erreichen wir endlich (trotz der kühlen Nacht einschliesslich des Fahrers durchgeschwitzt. Aber Respekt!) in einem Stück das Ziel.
Glück im Unglück - Aksaray ist Standort der Lkw-Produktion von Mercedes-Benz Turkiye, und es gibt tatsächlich eine Nutzfahrzeugwerkstatt mit Stern weit draussen am Stadtrand, bei der wir abgeladen werden und die - morgen ist Sonntag, in der laizistischen Türkei ebenfalls ein Feiertag - für mindestens die nächsten zwei Tage unser Zuhause sein wird. Gut, dass wir uns vor Kappadokien noch mit Proviant eingedeckt haben. Der Nachtwächter versorgt uns noch mit dem obligatorischen Cay, unser mitgeführtes Wörterbuch ermöglicht ansatzweise eine Kommunikation (anders als im Westen der Türkei sprechen hier viel weniger Einheimische eine Fremdsprache, so zumindest unser subjektiver Eindruck. Aber irgendwer kennt dann doch immer irgendjemand, der Englisch oder Deutsch spricht und notfalls per Handy als Dolmentscher bemüht wird). Den
So., 08.08.2010
verbringen wir auf dem Hof der Werkstatt, ausser uns ist nur ein Wachmann anwesend, der in regelmässigen Abständen nach uns schaut und uns mit frischen Melonen und Kaffee versorgt. Morgen wissen wir mehr, hoffentlich ist das nicht schon das vorzeitige Aus unserer Reise...im Moment schwankt die Stimmung noch zwischen vorsichtigem Optimismus ("der Motor lief ja noch") und "Abwarten und Cay trinken".